“Ich. Darf. Nicht. Schlafen” von S.J. Watson

Ohne Erinnerung sind wir nichts. Stell dir vor, du verlierst sie immer wieder, sobald du einschläfst. Dein Name, deine Identität, die Menschen, die du liebst – alles über Nacht ausradiert. Es gibt nur eine Person, der du vertraust. Aber erzählt sie dir die ganze Wahrheit? Als Christine aufwacht, ist sie verstört: Das Schlafzimmer ist fremd, und neben ihr im Bett liegt ein unbekannter älterer Typ. Sie kann sich an nichts erinnern. Schockiert muss sie feststellen, dass sie nicht Anfang zwanzig ist, wie sie denkt, sondern 47, verheiratet und seit einem Unfall vor vielen Jahren in einer Amnesie gefangen. Jede Nacht vergisst sie alles, was gewesen ist. Sie ist völlig angewiesen auf ihren Mann Ben, der sich immer um sie gekümmert hat. Doch dann findet Christine ein Tagebuch. Es ist in ihrer Handschrift geschrieben – und was darin steht, ist mehr als beunruhigend. Was ist wirklich mit ihr passiert?

Jeder Morgen ist für Christine ein Schock: Sie wacht neben einen ihr fremden Mann in einem fremden Haus auf. Und muss bei einem Blick in dem Spiegel feststellen, dass es hier nicht um einen betrunkenen One-Night-Stand geht. Denn ihr Gesicht ist nicht mehr das einer Anfang Zwanzigerin, sondern einer, die auf die Fünfzig zugeht. Christine leidet seit über 20 Jahren unter Amnesie und vergisst jede Nacht im Schlaf alles, was am Tag geschehen ist. Selbst die Jahre unmittelbar vor ihren Unfall hat sie vergessen und kann nicht einmal an ihrem Ehemann erinnern. So ist Christine völlig abhängig von dem, was ihr Ehemann Ben ihr jeden Tag aufs Neue erzählt. Doch dann findet Christine ein Tagebuch. Geschrieben in ihrer eigenen Handschrift. Und ganz vorne steht drin: Vertraue Ben nicht. Doch wem kann sie dann überhaupt noch trauen? Was ist damals in der Nacht des Unfalls wirklich geschehen? Und was bleibt von ihrer Identität, wenn sie sich an nichts erinnert?

Dieser Thriller steht ganz in der Tradition von Joy Fieldings „Lauf, Jane, lauf“: Die Ich-Erzählerin mit Gedächtnisverlust muss einer unfassbaren Wahrheit auf die Spur kommen. In diesem Fall wird die Suche nach der Vergangenheit dadurch erschwert, dass Christines Gedächtnis jede Nacht wieder auf null gesetzt wird und sie Erinnerungen nur durch ihr Tagebuch bewahren kann. Doch mit Hilfe diesen bekommt sie Tag für Tag ein umfassenderes Bild von ihrer Vergangenheit. Und muss bald feststellen, dass Ben ihr nicht immer die Wahrheit sagt…

S.J. Watson versteht es, aus altbekannten Zutaten einen spannenden Thriller zu generieren. Wer allerdings nervenzerfetzende Spannung mit viel Blut erwartet, ist an der falschen Adresse. Das Grauen baut sich allmählich auf und kommt durch die Hintertür. Der überfürsorgliche Ehemann gerät bei dem halbwegs geübten Leser natürlich schnell ins Visier. Aber auch die Motive der anderen Figuren, allen voran Doktor Nash, hinterfragt der Leser mehr als einmal. Doch die Wahrheit am Ende des Buches ist noch viel schrecklicher als vermutet. Vom Handlungsverlauf her ist dieses Buch keine Neuerfindung des Genres, doch die Schilderung von Christines Spurensuche gelingt S.J. Watson hervorragend. Der Leser leidet mit ihr und rätselt ebenso wie sie, was wirklich geschehen ist. Christine ist ein starker Charakter mit genau den richtigen Maß an Schwächen, so dass sie menschlich wirkt und mehr Facetten als nur die eines Opfers hat. Wer nicht zu viele Thriller liest, könnte somit an diesem Buch seine helle Freude haben.

Die Hörbuchfassung wird von einer glänzend aufgelegten Andrea Sawatzki gesprochen, deren Stimme perfekt zur Erzählerin Christine passt. Sie spiegelt das Auf und Ab in Christines Gefühlsleben, den Wechsel zwischen Euphorie und Zweifeln, Selbstbewusstsein und Hilflosigkeit. Auch die Kürzung scheint mir eindeutig ein Gewinn für das Hörbuch zu sein, wurde es doch im Mittelteil selbst im Hörbuch schon fast etwas zu langsam. So hält das Hörbuch kontinuierlich die Spannung und zusammen mit der hervorragenden Sprecherin ergibt sich ein grandioser Hörgenuss. Mir hat es so gut gefallen, dass ich die Geschichte in 30 Stunden aushören musste.

Ein etwas vorhersehbarer Thriller, aber gut erzählt und als Hörbuch ein akustisches Highlight

Rating: ★★★★½

S.J. Watson, “Before I go to Sleep”, übersetzt von Ulrike Wasel, 464 Seiten, Scherz, 23. August 2011.
Gesprochen von Andrea Sawatzki, Spieldauer 7 Std. 49 Min. (gekürzt), Argon Verlag, 2011.
Zum Hörbuch “Ich. Darf. Nicht. Schlafen” von S.J. Watson bei audible.de.

6. Dezember 2011         

3 Kommentare

  1. Lima sagt:

    Das hab ich die Tage auch gelesen. Ich fands stellenweise auch vorhersehbar, aber im Detail wars dann doch nochmal anders als vermutet. Generell fand ich das Buch aber auch echt gut. Also klar, kein absolutes Highlight, aber doch kurzweilige und spannende Unterhaltung.

  2. Elena sagt:

    Ich find bei Büchern sowieso, dass Originalität überschätzt wird. Richtig gut geschriebene „Standard“geschichten sind besser als vermurkste kreative Ergüsse. Gut, fünf Sterne gibt es dann nicht, aber ich gehe ja auch mit 4,5 Sternen sparsam um – da muss ein Buch schon was für „leisten“ :)