“Glencoe” von Charlotte Lyne

Die aus Glencoe, hatte Sarah sagen hören, waren Mörder und Diebe, und ihr Tal war das Tal im Schatten, hinter dem Moor, das Nebel verhüllten.

In ihrer Heimat Glenlyon war Sarah stets eine Außenseiterin: verwaist, klein und dürr, vorwitzig, ein ungeliebter Esser mehr am Tisch ihrer Verwandten. Sandy Og, der sie als seine Frau nach Glencoe holt, bedeutet sie dagegen alles. Auch Sahra liebt ihren Mann, obwohl es ihr schwerfällt, in seinem Tal heimisch zu werden. Wie sehr man sie verachtet, wird ihr schmerzlich bewusst, als sie einen verkrüppelten Sohn zur Welt bringt und Sandy Og für King James in den Krieg zieht. In einen Krieg, in dem sich die Clans der Highlands feindlich gegenüberstehen. Bald muss Sarah sich entscheiden: Steht sie auf der Seite ihres Mannes – oder kehrt sie zurück zu ihrer Familie, zum Clan der Campells von Glenlyon, die den neuen König unterstützt und bereit ist, für ihn über Leichen zu gehen?

Als Sandy Og die Außenseiterin Sarah zu sich holt, beginnt für diese ein neues Leben. Denn sie ist eine Campell aus Glenlyon und er der zweite Sohn des MacIans von Glencoe. Obwohl sie beide sich lieben, fällt der Neubeginn Sarah nicht leicht: Ihr und Sandy Og fällt das Sprechen schwer, die Frauen aus Glencoe akzeptieren sie nicht und sie ist eine miserable Hausfrau. Nachdem sie dann noch einen verkrüppelten Jungen zur Welt bringt, wird sie erst recht verachtet. Als Maria Stuart und William von Oranien ihren Vater James stürzen, kommt der Krieg in die Highlands. Sandy Og muss mit seinen Clan ziehen, um die Treuepflicht zu erfüllen und für ihren rechtmäßigen Herrscher zu kämpfen, während Sarah in Glencoe zurückbleibt.

Die Geschichte beginnt 1678 mit der Entführung von Sarah und führt bis in das Jahr 1692, wo das Massaker von Glencoe stattfindet. Das Geschehen wird aus vielerlei Perspektiven geschildert, nicht zuletzt des Lairds Rob von Glenlyon – derjenige, der durch seinen fatalen Lebenswandel als Spielball mächtiger Männer endete und schließlich jenen grauenhaften Befehl ausführte. Doch auch die Königin Mary Stuart und andere bedeutende Persönlichkeiten haben ihren Auftritt. Während der MacIan und die anderen Clans noch in alten Zeiten verhaften sind, spürt Sandy Og, dass Veränderungen nötig sind. Doch er steht ebenso wie seine Sarah außerhalb und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf …

Besonders der Einstieg in die Geschichte ist mir schwer gefallen. Die Sprache konnte mich zunächst überhaupt nicht überzeugen: Zu gestelzt, zu schwülstig und zu pathetisch – kurzum, ich habe mich unwohl beim Lesen gefühlt. Auch dass die Protagonisten Sarah und Sandy Og sich beide schwer tun mit dem Sprechen, ist zwar an sich eine nette Idee, trug aber nicht dazu bei, dass der Leser schnell emotional eingebunden wird. Zum Glück nahmen diese Barrieren ab, wenn sie auch im Laufe der Handlung nicht gänzlich verschwanden und ich konnte mich allmählich in die Geschichte fallen lassen. Die Highlands und das Leben der Clans, allen voran des MacDonalds-Zweig in Glencoe, werden ausführlich und lebendig mit ihren Festen, Ritualen und Traditionen geschildert. Es bleibt aber eine düstere und unheilvolle Geschichte – lange schon vor dem Massaker von Glencoe, indem das Buch seinen  traurigen Höhepunkt findet. Mir persönlich gar nicht gefallen hat der Handlungsfaden um Ceana, auch wenn er dazu dient, überkommende Sitten darzustellen. Positiv hervorgehoben werden muss aber die Darstellung der Verwicklung der einzelnen Parteien und ihren Interessen, die wenn das Verbrechen nicht entschuldbar, so doch erklärbar machen. Wer also einen historischen Blick auf die Ereignisse in Form eines Romanes sucht, ist hier gut aufgehoben.

Wer hingegen eine gefühlvolle Liebesgeschichte erwartet oder generell mehr in Richtung “Feuer und Stein” von Diana Gabaldon sucht, den möchte ich “Die Herrin der Täler” (engl. “Lady of the Glen”) von Jennifer Roberson empfehlen – dieses Buch beschäftigt sich ebenfalls mit den Massaker von Glencoe, liest sich aber wesentlich angenehmer.

Das Hardcover überzeugt mit einem schön gestalteten Umschlag und auf die Innenseiten des Buchdeckels gedruckten Karten der Highlands, so dass die geographischen Gegebenheiten nachvollziehbar sind. Zudem sind die Clanmuster der Campells und der MacDonalds an den Rändern abgebildet. Allerdings frage ich mich, was die Marketingabteilung sich bei der Beschreibung gedacht hat: Der Sohn kommt mehrere Jahre vor dem Krieg zur Welt. Und die Campells aus Glenlyon sind keine glühenden Verehrer des neuen Königs – lediglich ihr Anführer, Sarahs Onkel Rob Campell, steht in dessen Diensten und das unfreiwillig.

Eine etwas sperrige Geschichte, voll mit dem rauen Charme der Highlands, schonungslos und detailgetreu erzählt.

Rating: ★★★★☆

Charlotte Lyne, “Glencoe”, 640 Seiten, Lübbe Ehrenwirth, 25. September 2010.

3. September 2011         

3 Kommentare

  1. Neyasha sagt:

    Das klingt ja ganz interessant. Ich habe von der Autorin mal ihren Erstling “Die Glocken von Vineta” gelesen, war davon aber gar nicht begeistert. Ich kam da überhaupt nicht mit den Figuren zurecht (die ich großteils unsympathisch fand) und fand es auch recht schwülstig von der Sprache her.

  2. Elena sagt:

    Dann würde ich dir das Buch eher nicht empfehlen. Ich hab es ja bereits in der Rezension angesprochen, dass mir der Einstieg schwer gefallen ist. Wurde zwar nach und nach besser – ich glaube, die Autorin hat sich auch warm geschrieben – aber so richtig ans Herz gewachsen ist mir kein Charakter.

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