Ich bin alles, was möglich ist
Körperlich unversehrt, aber ohne Erinnerung erwacht Jenna aus dem Koma. Verzweifelt versucht sie herauszufinden, wer sie einmal war. Denn der Mensch, als den ihre Eltern sie beschreiben, bleibt ihr fremd. Die Wahrheit, der sie schließlich Stück für Stück auf die Spur kommt, ist ungeheuerlich: Jenna hatte einen furchtbaren Unfall und ihre Eltern haben alles medizinisch Mögliche getan, um sie am Leben zu erhalten. Doch ist sie wirklich noch dieselbe?
Als Jenna aus dem Koma aufwacht, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Der Mensch, der ihr von ihren Eltern beschrieben wird, bleibt ihr fremd - ebenso wie ihr Körper, welcher sich erstaunlich gut von ihrem Unfall erholt hat. Nach und nach kehren Erinnerungen zurück – und das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, verstärkt sich. Ist sie wirklich Jenna Fox? Nichts scheint richtig zusammenzupassen und wesentliches wird ihr verschwiegen. Was haben ihre Eltern getan? Doch die Wahrheit übertrifft ihre schlimmsten Befürchtungen …
Ich-Erzählerin Jenna lebt in einer nicht näher benannten Zukunft, die unserer Zeit recht ähnlich ist, in der einerseits enorme medizintechnische Fortschritte erfolgt sind, anderseits der bedenkenlosen Einsatz von Medikamenten Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Während ihre Mutter überbesorgt ist, ist ihre Großmutter Lily merkwürdig abweisend. Jenna besteht darauf, wieder zur Schule zu gehen und lernt dort neue Freunde kennen, die ihr Weltbild mit entscheidenden Informationen füttern. Nach und nach erobert sich die anfangs verunsicherte Jenna ihre Selbstständigkeit zurück und versucht die ganze Wahrheit über ihren Unfall herauszufinden. Am Ende muss sie sich fragen: Ist sie noch dieselbe?
Die Geschichte entwickelt sich spannend, wenn ich aufgrund meiner Genreerfahrungen schon ahnte, wie sie sich wohl entwickelt wird. Jennas Weg zurück zu ihrer eigenen Identität wird behutsam und sprachlich bezaubernd erzählt. Nicht mit langen Schachtelsätzen, sondern mit kurzen, präzisen Aussagen. Jenna muss sich auch erst langsam die Sprache zurückerobern und testet verschiedene Wörter für sich aus. So, wie sich Jenna weiterentwickelt, wird auch ihre Sprache raumgreifender. Die Umgebung von Jenna wird harmonisch in die Geschichte eingeflochten. Insgesamt ist das Buch ein schöner ausgewogener Denkanstoß über ethische und moralische Fragen, allen voran der, was das Menschsein wirklich ausmacht. Die verschiedenen ethischen Positionen werden wunderbar durch die Familie verkörpert: Jennas Mutter, die einfach ihre Tochter nicht verlieren wollte; Jennas Vater, der bereit war jeden Preis zu zahlen; und Jennas Oma Lily, welche nicht dran glaubt, dass alles technisch Mögliche versucht werden muss. Bis auf dem Epilog hält sich Pearson auch völlig mit einer Wertung der Ansichten zurück, sondern lässt die verschiedenen Figuren ihre eigenen Meinungen vertreten. Mir persönlich gefällt die Moral nicht wirklich, die das Ende und der Epilog verströmen - dies macht aus meiner Sicht den Grundtenor des Buches ziemlich zunichte, zudem ist es mir zu sehr auf Happy End getrimmt. Ein kleines Manko ist auch, dass der Mitschüler Dane immer wieder erwähnt wird und dass mit ihm etwas nicht stimmt – aber nie aufgeklärt wird, was denn genau.
Die Sprecherin Anna Carlsson hat eine tolle Stimme, sie gefällt mir sehr gut. Am Anfang spricht sie leise, ruhig und monoton – erst mit der Zeit kehrt das Leben in Jennas Stimme zurück. Der Weg von Unsicherheit zur Selbstständigkeit ist somit auch stimmlich nachvollziehbar. Die Emotionen werden jederzeit gut transportiert und machen das gehörte lebendig. Auch zum Alter von Jenna passt diese Stimme sehr gut.
Eine faszinierende Zukunftsvision verbunden mit interessanten ethischen Fragen, jedoch etwas spannungsarm und vorhersehbar.
Rating: 




Mary E. Pearson, “The Adoration of Jenna Fox”, 336 Seiten, Fischer Schatzinsel, 12. August 2009.
Gesprochen von Anna Carlsson, Spieldauer 4 Std. 52 Min. (gekürzt), Der Audio Verlag, 2009.
Zum Hörbuch bei www.audible.de geht es hier.
Eine Art Fortsetzung namens “The Fox Inheritance” erscheint am 30. August 2011. Dabei stehen Locke und Kara im Mittelpunkt.
Die Geschichte klingt wirklich interessant! Ich weiß nicht wieso, aber das Thema Amnesie (oder vergleichbares) finde ich grundsätzlich absolut spannend!
Ich werde mir das Hörbuch mal genauer ansehen! Danke für die schöne Rezi!
Klingt eigentlich ganz gut :-D Ich werd’ mal ein Auge drauf haben!
Das klingt wirklich spannend, das werde ich mir notieren und bei Gelegenheit mal ausleihen!
Wow, hätte jetzt nicht gedacht, dass ich mit der Rezension so ein Interesse auslöse XD Ist fraglos ein gutes Buch, auch wenn es mich nicht zu 100% überzeugt hat :)
@SaraSalamander
Dir ein herzliches Willkommen im Blog :)
ui, habe ich hier noch nie kommentiert? Ich gebe zu, ich bin via Feedreader ein stiller Leser (das Internet ist leider einfach zu groß, als dass man sich überall beteiligen könnte), aber hier lese ich schon länger mit, weil ich Deinen Buchgeschmack und die ausführlichen Meinungen sehr mag :-)
auch, wenn Du nicht zu 100 % überzeugt bist, das Buch klingt toll vom Thema her. Dass ein Buch absolut ohne Einwände überzeugt ist selten. Und ich mag es, wenn Bücher polarisieren, das zeigt, dass sie wichtige Themen berühren und etwas in den Menschen auslösen, und das ist mir wichtig: dass ein Buch nicht einfach nur unterhält, sondern auch etwas bewegt.
Aktuell habe ich kürzlich “Silberlicht” und den “Märchenerzähler” gelesen, die haben mich sehr berührt, ich halte sie für top Empfehlungen. Dennoch gab es meiner Ansicht nach einzelne Schwächen, die aber nicht den Lesegenuss gemindert haben. Wie bei Dir in diesem Fall hier auch. Deswegen gefällt das Buch ja trotzdem ;-)
Hab extra noch einmal nachgesehen – nein, ist dein erster Eintrag :o) Ich lese auch viele Blogs über Feedreader, kommentiere aber dort im Verhältnis zur Zahl der gelesenen Beiträge recht selten. Insofern freue ich mich einfach eine weitere Leserin ” zu kennen”.
Mich hat “Silberlicht” nicht so gepackt, aber es hat durchaus Punkte, die den ein oder anderen stark berühren können. Den “Märchenerzähler” finden ja viele Leute toll, trifft aber nicht ganz meinen Genregeschmack – aber wer weiß, wenn ich mal Lust auf Abwechslung habe … ;)
Ansonsten kann ich dir nur zustimmen: Wenn Bücher berühren, dann hat der Autor gute Arbeit geleistet.
und wieder moi ;-)
momentan lese ich das Buch, bin gerade bei Seite 125 und finde es nett. Ein bisschen fehlt mir was, der Leser weiß mehr als die Protagonistin, das ist eine ungünstige Kombination in diesem Fall, aber ich mag den Schreibstil und das “Herantasten”, eine Rezi wird bei mir dann im Laufe der nächsten Woche folgen. Klar kann ich nach einem Drittel noch nicht eine Endmeinung abgeben, aber bisher zumindest ist es ein netter Zeitvertreib, …
Ah, ich hab dich gestern oder so noch irgendwo woanders eine Rezension dazu kommentieren sehen :)
Ich persönlich fand es nicht so schlimm, dass ich mehr wusste, so mal das sich mit der Zeit etwas verliert. Bin gespannt, wie dir vor allem das Ende gefällt, mir hat das überhaupt nicht zugesagt.
das Ende, meinst Du GANZ am Ende, den Epilog, oder das “erste” Ende?
Ich fand es dem Buch entsprechend passend. Und irgendwie passte das Ende zu dem, was ich die ganze Zeit über fühlte, es erinnerte mich sehr stark an einen Film (kann ich leider nicht nennen, da es ein Spoiler wäre für andere Leser), und der Film endete ähnlich, …
das Buch hat mich jetzt nicht wirklich vom Hocker gerissen, aber ich habe es flink an einem Tag gelesen und fand die Grundidee klasse. Für die Zielgruppe sehr gut umgesetzt, es ist halt eher für jüngere Leser …
*eventuell kleiner Spoiler*
Ich glaube, ich meinte den Epilog. Das war mir zu märchenhaft a la “Und sie lebten glücklich und zufrieden…” Insofern bin ich gespannt, ob “The Fox Inheritance” kritischer wird.
Ich fand es jetzt auch nicht total umwerfend, aber es war definitiv ein nettes Buch :)
MÖGLICHERWEISE SPOILER
Ja, da stimme ich Dir zu. Es wird im Buch an sich kritisiert, und im Epilog auf einmal wirkt es okay. Andererseits sieht die Autorin das in meinen Augen realistisch. Die Zeiten ändern sich, und was heute ein Tabu ist, das wird in zwanzig, fünfzig, zweihundert Jahren vermutlich ganz normal sein. Es gibt Themen, da ändert sich in kurzer Zeit so viel. Sei es Verhütung, Homosexualität, Schwangerschaftsabbruch. Das sind Tabus, da hätte man früher nie daran gekratzt, und heute sagt man “wie gut, dass die alten Zeiten vorbei sind”.
Ich stehe auf Seiten der Kritiker, und ich stehe auf Seiten der Befürworter. Beide Seiten sind wichtig. Die Befürworter sind wichtig, damit die Welt nicht stehenbleibt. Sonst würden wie heute noch im Mittelalter leben. Und die Kritiker sind wichtig, damit nicht von heute auf morgen alles über den Haufen geworfen wird, und damit die Seele der Menschen dem Fortschritt der Wissenschaft folgen kann, und damit Grenzen eingehalten werden, die für das Menschsein wichtig sind. Aber was Menschsein bedeutet, das wird sich ebenso verschieben wie die Frage über andere Themen, die wir heute anders sehen als vor 50 Jahren …
von daher fand ich das Ende zwar heftig, aber auf der anderen Seite passend, da höchstwahrscheinlich sehr realistisch …
*Achtung Spoiler*
Das ist ein sehr guter Kommentar von dir! Denn du hast natürlich recht, dass die Antwort auf die Frage im Kontext der jeweiligen Zeit gesehen werden muss. Allgemeingültige Weisheiten, die über die Jahrtausende hinweg bestand haben, gibt es nur sehr wenige. Und angesichts der immer schnelleren Entwicklung verschieben sich Wertungen in immer kürzerer Zeit.
Mein Problem ist wahrscheinlich auch der recht abrupte Sprung: Die ganze Zeit ist Ailis (so hieß sie doch?) immer dagegen und dann im Epilog ist davon nichts mehr zu merken. Natürlich hatte sie auch sehr lange Zeit sich damit abzufinden und daher ist es jetzt nicht so verwunderlich, aber es störte mich nun einmal.
Tja, und damit beweist Mary E. Pearson eindeutig klasse: Viele Bücher sind nach dem Zuschlagen schon fast vergessen, aber an dieses Buch erinnere ich mich noch nach drei Monaten recht genau :) Falls du noch ein nachdenklich machendes Buch von ihr lesen möchtest, kannst ich dir meine Rezension zu ihren Buch “Ein Tag ohne Zufall” ans Herz legen – sehr sperrige Geschichte und doch zutiefst beeindruckend.